Ein Fallbeispiel

Der folgende, sehr persönliche Beitrag, wurde uns von Dr. Emmerich Lakatha freundlicher Weise zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Dr. Lakatha ist Jurist und noch im Amt befindlicher katholischer Pfarrer. Er ist über 80 und lebt heute in einem Altenheim in Wien.

Ich bin ein noch im Amt befindlicher römisch katholischer Priester und das macht mich zu einer anfechtbaren Person. Bereits seit mehr als ca drei Jahren habe ich mich von meinen priesterlichen Diensten zurückgezogen. In meinem Alter kein wirkliches Problem, weil ich verheiratet war und erst nach dem Tode meiner Frau wieder als Priester zugelassen wurde. Durch meine zivilen Tätigkeiten habe ich zusammen mit der Witwerpension ein gutes Einkommen, das macht mich finanziell von der Kirche unabhängig. Das muss ich immer bedenken. Je früher ein Priester den Entschluss fasst, der Kirche den Rücken zu kehren, desto weniger ist er von der Kirche abhängig. Ich jedenfalls heiratete mit 30 Jahren und konnte noch gut Fuß fassen. Leicht war die Aufholjagd für meine Familie und mich nicht, aber noch rechtzeitig. Je älter man wird, desto schwieriger wird es.

Gerade die existentielle, gesellschaftliche und verwandtschaftliche Abhängigkeit ist das größte Problem. Man braucht seine Zeit zum Emanzipieren, und wenn man soweit ist, ist ein Neubeginn fast unmöglich. Dass Dass die Bodensee-Regionalgruppe [der Giordano Bruno Stiftung (GBS)] den Austrittswilligen eine umsichtige Beratungs- und Hilfestellung anbietet, zeigt einen zukunftsträchtigen Weg auf.

Es ist mir klar, dass die Abwärtsentwicklung von Religion und Kirche voranschreitet. Auch die österreichischen Kirchen können ihren Priestern keine finanziell befriedigende Zukunft bieten. Die priesterliche Kranken- und Pensions- (Renten) werden von den allgemeinen staatlichen Versicherungen übernommen, Pensionshäuser für Priester sind von der Auflassung bedroht usw. Wenn man Solches hört, und daran denkt, dass auch im Innersten vieler Priester der Zweifel und Unglaube nagen, fragt man sich, wer diese Situation bis zu seinem Lebensende aushalten wird können.

Da gab es eine großangelegte Befragung, die die persönliche und berufliche Zufriedenheit der Priester zum Inhalt hatte. Die Frage nach dem Glauben schien nicht auf. Pst, darüber reden wir doch nicht, vielleicht deswegen nicht, weil ein Priester gläubig sein muss. Da begannen in einem Priesterhaus beim Mittagessen Gespräche über den Glauben. Sie wurden vom Verantwortlichen untersagt. Da gibt es Priester, die eifrig den Glauben verteidigen. Ich war kurze Zeit auch ein Solcher. Dann kam ich dahinter, dass ich nicht gegen Ungläubige meinen Glauben verteidige, sondern mich vor meinem eigenen aufsteigenden bzw. vorhandenen Unglauben schützen wollte.

Es war ein langer Prozess, bis ich mich offen zum evolutionären Humanismus bekennen konnte und jegliches dualistische Weltbild als falsch erkannte. Einer der wichtigsten Gründe, dass ich noch nicht aus der Kirche ausgetreten bin, ist, dass ich im Priesterseminar das erste Mal eine menschliche Geborgenheit fand. Ich will nicht über meine Kindheit und Jugendzeit sprechen. Das wehleidige Bejammern seines Schicksals ist immer subjektiv gefärbt und schadet dem Blick in die Zukunft. Anders ist es mit der erlebten Gemeinschaft, die ich im Priesterseminar das erste Mal im Leben erfuhr und die einige echte Freundschaften begründete. Ich vermute, dass ähnliche emotionale Bindungen bei einer großen Anzahl amtierender Priester für ihren Verbleib in der Kirche maßgeblich sind. Wenn dem so ist, ist es am besten, auch Freundschaften zu GBS zu pflegen und sich passende internen gbs-Foren aufzusuchen. Dort gibt es viele Kontaktpersonen, mit denen man offen sprechen kann. Man muss nur seinen Standpunkt vertreten und, wenigstens nach und nach offen aussprechen. Das Wichtigste ist, vom Offenbarungglauben und dem Glauben an Gott wegzukommen. Das geht nicht so leicht, wie sich andere vielleicht vorstellen.

Eine Erfahrung, die ich zuerst an mir selbst und später auch bei Amtskollegen machte, ist, dass Priester die ständig bemüht sind, den Glauben zu verteidigen, nicht mehr wirklich glauben können. Je lauter sie argumentieren, desto mehr suchen sie nach Argumenten, durch die sie den in ihnen aufsteigenden Unglauben bekämpfen wollen.

Ein weiterer Grund dafür, dass ich (noch) nicht aus der Kirche austrat, ist, dass es viele Gläubige, darunter auch Priester gibt, die sich es finanzielle nicht leisten können, der Kirche den Rücken zu kehren, es sich sogar nicht einmal leisten können, den Mund aufzumachen. Ihnen wollte ich zeigen, dass man sich keine Gewissensbisse machen muß, wenn man „seinen Glauben verliert.“ Es ist bestimmt nicht einfach, eine Diskussion darüber zu führen, ob jemand unter allen Umständen aus der Kirche austreten muss oder ob es persönliche oder objektiv nachvollziehbare Gründe gibt selbst als überzeugter Atheist, die formale Zugehörigkeit nicht, jedenfalls nicht sofort, aufgibt.

Dr. Emmerich Lakatha, 13.06.2018